April 2022


April, April


„April, April!“

Mia tapste trällernd ins Wohnzimmer, strahlte ihren Opa Herbert an, der gerade vom Frühstückstisch aufgestanden war und seiner Enkelin nun mit einem wohlwollenden Lächeln über die Haare fuhr, bevor er seinen Weg in den Flur und von dort aus weiter in sein Zimmer fortsetzte. Die Vierjährige sah ihm kurz nach, bevor sie ein weiteres „April“ anfügte und dann neben ihren Hochstuhl trat. Mit ihren großen Augen fixierte sie Philipp und grinste über das ganze Gesicht.

„April!“, wiederholte sie und langte auf Zehenspitzen nach einem Stück Zitronenkuchen, den sie sich, nachdem sie ihn eingehend durch Beschnuppern getestet und für gut befunden hatte, zwischen die Lippen schob.

„Prinzessin, so funktioniert das nicht. Du musst zuerst jemandem einen Streich spielen, bevor du ‚April, April‘ sagst.“

Mias Miene wurde nachdenklich, ihr Mund stand leicht offen wie immer, wenn sie grübelte, und sie zog leise die Nase hoch. Dann seufzte sie schwer und legte den Kopf schief.

„Ach so“, lispelte sie schließlich.

Helene kam aus der Küche und stellte eine frisch gefüllte Kaffeetasse vor Philipp ab.

„Lass gut sein, Phil, ich glaube, sie ist noch zu klein, um das zu verstehen.“

Philipp betrachtete die Tochter seiner Freundin von der Seite her. Sie hatte es sich auf ihrem Stühlchen bequem gemacht, ließ den Blick mit dezent hervorschauender Zungenspitze über die reich gedeckte Frühstückstafel gleiten und schien sich zu überlegen, was sie sich gönnen sollte.

„Ich glaube, du unterschätzt sie“, entgegnete er und strich nun seinerseits der Kleinen die dünnen blonden Haare hinters Ohr.

Helene setzte sich ihm gegenüber und schüttelte fast schon resigniert den Kopf.

„Ich weiß auch nicht, ob sie das Konzept eines Scherzes beziehungsweise eines Streiches überhaupt erfassen kann. Jemals“, ergänzte sie leise.

Philipp hob eine Augenbraue, sagte aber nichts. Er fragte sich, ob sie ihrer Tochter nicht tatsächlich einfach zu wenig zutraute. Was so ein lächerliches Zusatzchromosom beim 21er-Pärchen und eine leicht übervorsichtige Mutter alles ausmachen konnten. Da er sich aber nicht mit Helene vor der Kleinen zanken wollte und schon gar nicht wieder die Diskussion über Erziehungsstile und Ersatzvaterschaft anfangen wollte, zuckte er nur mit den Schultern, seufzte und blickte dann auf seinen plötzlich leeren Teller hinunter. Stirnrunzelnd stutzte er.

„Aber ich hatte doch noch…“

„April, April!“, kam es von nebenan.

Mia schob sich grinsend den Rest seines Nutellabrötchens in den ohnehin schon vollen Mund. Ihr Gesicht hatte etwas Triumphierendes.

Philipp betrachtete sie voller Stolz. Sein Blick ging mit einem zufriedenen Grinsen zu Helene zurück.

„Ja, genau, Mia, so geht das.“