August 2022


Neuanfang


Die bleiche Sichel des Mondes trat schüchtern hinter den Wolken hervor, gerade als Elinor aus den Schatten trat und über den Burghof huschte. Wenn sie es ungesehen auf die andere Seite schaffte, dann stand dem Rest ihres etwas tollkühnen Planes eigentlich nichts mehr im Weg. Schnell und leise schlüpfte sie durch die Tür des Pferdestalls und hielt für einen Moment lauschend den Atem an. Doch das ruhige Schnauben der Pferde war alles, was in der stillen Nacht zu hören war. Da legte sich eine Hand auf Elinors Schulter, sie wirbelte herum und ihr Herz schlug höher. Vor ihr stand Harald und lächelte leicht. Ein wohliger Schauer jagte über Elinors Rücken und ihr wurde warm. Wortlos drückte Harald ihr die Zügel einer braunen Stute in die Hand und ging ihr dann mit seinem eigenen Pferd voraus auf die hintere Tür zu. Ein Ausritt im Mondenschein, gab es etwas, das zugleich romantischer und verwegener wäre?


Ireen legte den Füller weg und vergrub seufzend das Gesicht in den Händen. Ihre Augen brannten, weil sie wieder einmal auf eine anständige Beleuchtung verzichtet hatte und es zudem wieder einmal viel zu spät war. Wie so oft saß sie im Dämmerlicht der kleinen gelben Lampe an ihrem Schreibtisch, hatte verpasst, dass die Nacht hereingebrochen war und es abgesehen von dem kreisrunden Lichtfleck um ihren Schreibblock im Zimmer und in der ganzen Wohnung mittlerweile stockfinster war, wie sich das um drei Uhr nachts auch gehörte.

Mit einem tiefen Seufzen schlug sie die Augen wieder auf, ließ ihr Handgelenk leicht kreisen und überflog dabei mit schnellem Blick die letzten geschriebenen Zeilen.

Sie hasste sich selbst für den Schund, den sie da produzierte. Sie hasste jeden Satz, jedes Wort, jede sinnfreie Formulierung, die da auf das Papier floss. Sie war Autorin geworden, weil sie das dringende Bedürfnis verspürt hatte, mit ihrer Stimme etwas bewirken zu wollen, mit ihren Texten die Menschen aufzurütteln und mit ihren Geschichten den verzweifelten und gedemütigten Mädchen Mut zu machen, ihnen zuzurufen: „Ich weiß, wie du dich fühlst, du bist nicht allein.“

Stattdessen lieferte sie ihnen nun einen unrealistischen Traumprinzen nach dem anderen, schrieb Szenen und Handlungen, die ihr widerstrebten in ihrer Klischeehaftgkeit und die man ihr trotzdem aus den Händen riss, noch bevor sie ordentlich lektoriert worden waren. Sie wurde von der Klatsch-Presse und sämtlichen Frauen-Magazinen von Bella, Brigitte und wie sie alle hießen als „Königen der Romanze“ besungen und weckte in den jungen Menschen gleichzeitig völlig unerreichbare Ideale, ein unstillbares Verlangen und das Gefühl, neben all der Perfektion der fiktiven Figuren selbst komplett unzureichend zu sein.

Und all das nur, weil sich diese Heucheleien, die nicht nur ein verzerrtes Bild zwischenmenschlicher Beziehungen zeichneten, sondern auch komplett aberwitzige Wunschvorstellungen und Erwartungen an potentielle Partner*innen und folglich eine permanente Realitätsenttäuschung hervorriefen, besser verkauften als realistische Darstellungen echter Liebe, und weil es ihr Agent geschafft hatte, sie möglichst früh in diese für ihn sehr lukrative Nische zu drängen.

Weil sie ebenso auf ihn hineingefallen war, wie ihre überwiegend weibliche Leserschaft auf ihre utopischen Männerfiguren. Keine echte Person konnte dem standhalten.

Manchmal fragte sie sich, ob sie an den steigenden Scheidungsraten mitverantwortlich war.

Aber es gab Hoffnung. Zumindest für sie.

Ireen zog behutsam die oberste Schublade des Schreibtisches auf und warf einen liebevollen Blick auf das sorgfältig gebündelte Manuskript.

Sie würde es unter Pseudonym veröffentlichen. Bei eine anderen Verlag. Ohne ihren Agenten. Ein realistischer Roman mit realistischen Figuren und einer Handlung, mit der man sich identifizieren konnte. Jede und jeder in seinem Alltag. Alles so echt und schonungslos, das es weh tat, aber zugleich unvergleichlich schön war.

Natürlich, viele würden den Roman nicht mit ihr in Verbindung bringen. Obwohl sie darin so viel von sich selbst preisgab. Mehr als in jedem Interview und unendlich mehr als in jedem anderen ihrer veröffentlichen Werke.

Aber ihre Stimme würde dennoch gehört werden. Endlich.


Ireen stand auf und trat ans Fenster. Es war eine laue Augustnacht. Weiße Dunstschleier zogen über den Himmel, und als sie den Blick hob, tauchte gerade schüchtern die bleiche Sichel des Mondes hinter den Wolken hervor…