Das Klavier

Sie strich langsam über das glänzend polierte schwarze Holz, bevor sie den Deckel öffnete und dann beinahe andächtig über die Tasten fuhr. So wie immer.


Schwarz-weißer Klimperkasten.

„Spiel erst die Etüde, danach arbeiten wir an Chopin.“

So wie immer.


Wenn sie am Vorabend die Einladung des charmanten Geigers angenommen hätte, dann wäre sie vermutlich zu spät nach Hause gekommen, hätte verschlafen, am Morgen die Straßenbahn verpasst und wäre nicht rechtzeitig in der Hochschule gewesen. Sie hätte womöglich noch die Noten im Zimmer vergessen, das Handy liegen lassen oder die Schlüssel verlegt. Natürlich hatte sie nichts von alledem getan. Sie hatte mit einem schüchternen Lächeln dankend abgelehnt und er war mit enttäuschter Miene gegangen. Sie hingegen war nach Hause gefahren. So wie immer.


Ihre Finger flogen über die Tasten. f-Moll, so dunkel und düster wie ihre Stimmung. Ein schneller Lauf, mündend in einer kühnen Modulation, völlig unerwartet, eine klagende Melodie, begleitet von den Harfenbrechungen der linken Hand.

Sing, mein Flügel, mein Leben, sing.

Wie hieß der große, unglaublich hübsche Geiger nur? Sein Name war ihr entwichen, kaum dass er sich umgedreht hatte. Aber sein Gesicht begleitete sie seither, erschien ihr im Traum bei Tag und bei Nacht, flackerte vor ihren Augen über die Tasten. Warum war sie nicht mit ihm ausgegangen?

Da, die Kantilene in der Oberstimme bekam Unterstützung, wurde zum wehmütigen Duett zwischen Sopran und Tenor, innig vereint und doch auf ewig getrennt durch die zwei Hände, die flimmernde, unstete Mittelstimme, den unerbittlichen Bass.


Hätte sie nur ein einziges Mal ihre Gewohnheiten, ihren Anstand und ihre Korrektheit über Bord geworfen. Ihre Furcht, ihre Zweifel und die ihr selbst unerklärliche Moral. Sie wäre möglicherweise mit einem interessanten Abend, einem inspirierenden Gespräch, vielleicht sogar mit einem Kuss belohnt worden. Aber sie hatte ihn stehen lassen. Aus Angst, irgendwelche Regeln zu verletzen. Aus Angst, die Nacht nicht im eigenen Bett zu verbringen. Aus Angst, am nächsten Morgen zu spät zum Unterricht zu erscheinen. Altmodisch, spießig, seltsam. So wie immer.


Die Tasten glitten unter ihren Fingern weg, sie versuchte, sich an ihnen festzuhalten, sich an die Harmonien zu klammern, die Melodie zu retten und zu Ende zu führen. Die Noten verschwammen vor ihren Augen, verschleiert vom salzigen Wasser ihrer Tränen.

Frédéric, bleib bei mir.


Also hatte sie ihn stehen lassen und war pünktlich an der Hochschule erschienen. War gewissenhaft vorbereitet, ausgeschlafen und ordentlich zum Unterricht gegangen. So wie immer. Hatte Noten und Bleistift ausgepackt, so wie immer, und sich eingespielt, so wie immer. Hatte darauf gewartet, dass die Tür aufgehen würde, zu spät. So wie immer.

„Tut mir leid, der Stau…“

Mein Tastenkasten, mein Herz, mein Alles du. Süßer Freund, du blickest mich verwundert an. Früher Freund und Tröster, plötzlich stummer Zeuge, erschrocken und überrumpelt, jetzt verschlossen und unnahbar, grinst du mir fast hämisch entgegen…


Hätte sie es ahnen können? Vermutlich. Waren all die Komplimente darauf abgezielt gewesen? Wahrscheinlich. Hatte jede noch so beiläufige Berührung dahin geführt, jedes zu knappe Nebeneinander am Klavierhocker, jede Führung ihrer Hand? Mit Sicherheit. Doch sie hatte es nicht bemerkt, geflissentlich übersehen, nicht beachtet, als Zufall abgetan, ihren eigenen Instinkten misstraut. Weiterhin unschuldig und naiv an den Anstand und das Gute im Menschen geglaubt. So wie immer.

Die Kantilene ist zerbrochen, musste einem wilden Sturm weichen. Akkord nach Akkord, Pedalwechsel, rasende Oktaven, flirrende Töne, Dynamik und Spannung bis zum Zerbersten.


Nur dass jetzt nichts mehr so war wie immer.

Dass das Klavier sie nicht mehr nur anzog, sondern anwiderte.

Dass es für sie schwieg, selbst wenn sie es liebkoste.

Dass sie es vermied, die eigenen Finger beim Spielen zu beobachten.

Dass sie sich vor sich selbst ekelte.


Weil sie nicht verschlafen hatte. Weil sie dem Geiger den Korb gegeben hatte. Weil sich sein Gesicht vor ihre Wahrnehmung schob, während ein anderer auf ihr lag und ihr den Atem nahm. Weil sie geweint hatte, statt sich zu wehren. Weil dieses Instrument unter seinem Gewicht geächzt hatte.

Stretta zum Finale, die Tasten fast zu weit auseinander für die Spannweite ihrer Hand. Zwischen ihren Fingern immer mehr Tränen auf dem Ebenholz und dem Elfenbein. Eine letzte Modulation, ein letztes Aufheulen des Windes und der Fluten, dann plötzliches Aufklaren nach dem Gewitter, ein Happy End.


Für die Undine und ihren Prinzen. So wie immer.

Nur nicht für sie.

Nichts mehr wie immer.

Jane E. Walters

Dez. 2017