Dezember 2022


Kekse


„Schau, Schatz, nimm mal das hier… Nein, in die Hand, und dann kannst du hier so…“

„Guck mal, Mama!“

Marlen ignorierte den kleinen Sternausstecher, den Mira ihr hinhielt, quiekte vor Freude und patschte mitten ins Mehl, das in einer weißen Staubwolke in die Höhe schoss. Charlotte reckte gleichzeitig den Arm in die Luft und rammte dabei den Einhornkeks, auf den sie so stolz war, mit voller Wucht gegen Miras Unterkiefer, als diese sich ihrer älteren Tochter zuwenden wollte.

Mira unterdrückte einen Fluch und stöhnte leise auf, als ihre Zähne durch den unbeholfenen Kleinkindkinnhaken aufeinander prallten und den Rand ihrer Zunge zwischen den Kauflächen einklemmten. Der Keks war beim Zusammenstoß aus Charlottes Fingern geglitten und mit einem leise schmatzenden Geräusch auf den Boden gefallen. Mira bewegte probehalber den Kiefer, hatte aber keine Zeit, sich selbst einen Eiswürfel für ihre schnell anschwellende Zunge zu holen, da sie die sich anbahnende Tragödie schon spürte, noch bevor sie ihre Große ansah, die mit vor Schock versteinertem Gesicht und glasigen Augen auf den Keks starrte. Im nächsten Augenblick gingen ihre Augen über, dicke Tränen kullerten über die kleinen Pausbäckchen und ihre Stimme schwoll sirenenartig zu einem bekümmerten Heulen an. Hastig wischte sich Mira die Hände an der Schürze ab, hob den verunglückten Keks auf und griff nach dem dazugehörigen Ausstecher.

„Mein Ei-hei-hei-hein-horn!“, presste Charlotte zwischen den Schluchzern hervor.

Mira seufzte, nickte und warf den Teigklumpen in die Spüle.

„Ja, ich weiß, Lotte, sowas passiert. Ist kein Drama, wir haben noch ganz viel Teig, du kannst noch ganz viele tolle Einhörner ausstechen. Hier.“

Sie drückte ihrer Tochter den Ausstecher in die Hand.

„Aber das war so schö-hö-hö-hö-hön“, schluchzte Charlotte.

Mira wischte ihr mit der Hand die Krokodiltränen aus dem Gesicht, bemerkte zu spät, dass sie dadurch eine weiße Mehlspur auf der Wange des Kindes hinterließ, und seufzte erneut.

„Du wirst noch viel Schönere machen, da bin ich mir sicher. Und wenn sie gebacken sind, können wir sie auch noch mit Glitzer und Zuckerguss verzieren.“

Wie auf Knopfdruck versiegten Charlottes Tränen und sie starrte mit aufgerissenen Augen zu Mira hoch.

„Okay?“, fragte diese.

Charlotte wischte sich mit einer ungelenken, aber zuckersüßen Bewegung eine Haarsträhne aus dem Gesicht, wandte sich wieder dem Teig zu und nickte leicht.

„Ok“, machte sie.

Marlen hatte es indessen erfolgreich geschafft, das gesamte Mehl, das Mira zum sauberen Auswallen des Teiges bereitgestellt hatte, vom Tisch zu wischen und sich die Reste über den Schoß und in den dünnen blonden Haaren zu verteilen.

Herr, lass es Abend werden, sandte Mira ein stummes Stoßgebet gen Himmel.

Sie würde beide Mädchen direkt nach der Backaktion in die Badewanne stecken müssen. Wobei sie kurz erwog, ob bei der Schwere der Verschmutzung der Schonwaschgang der Waschmaschine oder eine Autowaschanlage bessere Dienste als ihre Künste mit dem Waschlappen leisten würden.

Neben ihr zog Charlotte leise die Nase hoch und Mira sah es unter ihrem rechten Nasenloch gefährlich glitzern. Schnell zog sie ein Taschentuch aus dem Spender und drückte es ihrer Tochter gegen das Gesicht. Gerade rechtzeitig, da sich Charlotte soeben über den ausgewallten Teig lehnte, um an einen Keksausstecher zu kommen, und der kleine, klebrige Rotztropfen schon nur noch am seidenen Faden gebaumelt hatte.

Praktisch gleichzeitig musste Marlen eine zu große Prise des Mehls inhaliert haben, mit dem sie großzügig sich selbst bestäubt hatte, denn sie nieste heftig und besprühte dabei unabsichtlich die vor ihr ausgebreiteten Kekse mit einem feinen Nieselregen aus Spucke, Nasensekret und winzigen Krümeln der Biskotten, auf denen sie zuvor noch herum gekaut hatte.

„Igitt!“, nuschelte Charlotte hinter dem Taschentuch.

Mira schloss die Augen und atmete betont langsam ein und wieder aus. Dann sah sie lächelnd auf ihr Baby.

„Gesundheit, mein Schatz!“

„Die Kekse ess‘ ich nicht mehr“, verkündete Charlotte und Marlen strahlte unschuldig über das ganze Gesicht.

Mira stand auf, putzte im Vorbeigehen auch der Kleinen die Nase, entsorgte die beniesten Kekse und kehrte in dem Moment vom Mülleimer an den Tisch zurück, als ein Schlüsselbund gegen die Haustür schepperte.

„Papaaaa!“, brüllte Charlotte und sprang sofort vom Stuhl.

„Halt, nicht mit den Keks…“ Mira sparte sich den Wortteil „-fingern“, da ihre Tochter ohnehin nicht mehr aufzuhalten war. Sie sah die mehlige Spur auf der alles andere als bügelfreien Anzugshose von Stefan schon vor ihrem geistigen Auge.

Marlen gluckste leise vor sich hin und panschte fröhlich weiter im restlichen Mehl herum. Mira strich ihr die Haare aus dem Gesicht und hoffte insgeheim darauf, dass sie bald lange genug sein würden, um sie mit einem Zopfgummi nach hinten binden zu können.

Stefan kam mit Charlotte auf dem Arm in die Küche und Mira fand ihre Vision bestätigt, als sie den Blick seine Hosenbeine hinunter wandern ließ. Er strahlte sie an. Wahrscheinlich fragte er sich wieder einmal, warum sie so erledigt und müde aussah, die Kinder hatten doch offensichtlich Spaß und waren guter Dinge.

„Na, ihr Drei?! Geht’s euch gut?“

„Schau, Papa, die hab ich gemacht“, verkündete Charlotte und lehnte sich mit ausgestrecktem Arm gefährlich weit nach vorne aus dem Griff ihres Vaters, sodass Stefan sie schnell auf einem Stuhl absetzte, damit sie ihm ihre Kreationen gefahrlos zeigen konnte.

„Die sind ja super!“, lobte er. Dann drückte er Marlen einen Kuss auf die Stirn und kam schließlich um den Hochstuhl herum, um Mira zu küssen. Sie konnte sein After Shave, das er am Morgen aufgetragen hatte, immer noch riechen und fand es immer noch genauso sexy wie bei ihrem ersten Date. Dabei war sie so müde.

„Gut, dass du da bist“, meinte sie leise und stand mit einem leichten Zwinkern auf.

„Wieso?“, fragte er stirnrunzelnd. Der Subtext lautete klar: „Ist etwas passiert?“

„Weil ich aufs Klo muss und du jetzt das Keksabenteuer hier übernehmen kannst“, sagte sie lächelnd, entknotete die Schürze in ihrem Rücken und streifte sie sich über den Kopf.

„Okay…“, machte Stefan und setzte sich zwischen seine Töchter.

„Bis gleich.“ Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und verließ das Zimmer.

Zehn Minuten Ruhe. Das war fast schon zu schön, um wahr zu sein.

Back doch Kekse, mit den Kindern. Das ist so schön besinnlich. Das wird ganz toll, hatten sie ihr gesagt. Mama hatte den Vorschlag mindestens fünfmal geäußert. Ja, ganz toll. Die nächsten Sorten würde sie - falls sie überhaupt noch die Zeit und die Kraft für weitere Sorten hätte - ganz gewiss erst nach der Schlafenszeit der beiden Mädchen machen. So viel stand fest.

Mira schloss die Badezimmertür hinter sich und atmete tief durch. Aus der Küche waren Kinderlachen und Stefans leise Stimme zu hören. Sie lächelte sich im Spiegel müde zu. Dann zündete sie die Orangenduftkerze an, setzte sich auf den Boden und genoss ihre kurze Auszeit.