Februar 2022


Winterfarben


Die Katze des Nachbarn sitzt hinter dem Busch und beobachtet mich argwöhnisch, wie ich mich aus dem Haus schleiche. Ob sie wohl ahnt, worauf ich aus bin? Warum ich mich im Schutz der Nacht davonstehle, eingehüllt in meine dickste Jacke, ausgestattet mit Fäustlingen, Stiefeln, zwei Schals und trotzdem frierend? Was mich um diese Tageszeit aus meinem Bett treibt, in dem ich es wohlig warm hätte und sie nicht mit dem unerwarteten Lichtschein des Bewegungsmelders erschrecken und überrumpeln würde?


Die Idee zu diesem Unterfangen kam spontan und ist seither in mir gereift. Ausgelöst durch eine Beobachtung, die ich in meinem Notizbuch festgehalten habe:


„Ich liebe die Farben eines Wintermorgens.

Wenn Raureif auf den Dächern liegt, ein Hauch von Nebel zwischen den Häusern hängt und langsam die Sonne aufgeht. Die Luft und der Himmel so kalt und klar, dass man durch einen blassblauen Schleier zu blicken scheint, während die ersten Strahlen, die sich zaghaft, ja fast schüchtern, so als wollten sie die Gebilde aus Eiskristallen - die Kunstwerke der Nacht - nicht durch ihre Berührung zerstören, über den Horizont, die Baumwipfel und Dachfirste wagen, die Schornsteine, Kirchtürme und Baumkronen allmählich in ein sanftes Pastellgelb tauchen.

In der Ferne verschwindet die Nacht mit einem weichen, mattrosa Schweif, huscht um den Globus, um dann am Abend mit sattem Rot und kräftigem Blau und leuchtendem Gold die Sonne wieder abzuholen.“


Dies ist heute meine Mission. Diese Stimmung, dieses Bild, diese Farben einzufangen. Auf ein Speichermedium zu bannen, um sie mir dann in Ruhe anschauen zu können, wann immer mir danach ist.

Mit Kamera und Stativ bewehrt steige ich ins Auto, froh über die Sitzheizung, auch wenn ich nur kurz unterwegs bin.


Jeden Morgen das gleiche Schauspiel. Das Auftauchen eines acht Lichtminuten entfernten Feuerballs am Himmel. Das erhebende Gefühl, das sich in meinem Ohr begleitet von Flöten und Streicherklängen aus der Feder Edward Griegs ausbreitet und mich mit vor Staunen offenem Mund erstarren lässt.


Auf dem Rückweg sitzt die Katze immer noch dort. Ob sie angefroren ist?

Kurz erwäge ich, ein Bild von ihr zu machen, jetzt, wo ich sowieso gerade alles in der Hand habe. Ich zögere einen Moment zu lange, sie entdeckt mich und trollt sich mit beinahe genervter Miene.

Katzen sind weniger fotogen als Hunde. Die lächeln und posieren auf Kommando. Dafür toppt nichts die lässige Gleichgültigkeit dieses Katers.