Januar 2022

Einmal verrückt sein


Sie stand am Fenster und starrte hinaus in die dunkle Nacht. Wenn sie sich konzentrierte und die Augen leicht zusammenkniff, konnte sie ihr eigenes Gesicht in ihren Pupillen sehen, die Spiegelung einer Spiegelung auf dem glatten Glas. Es war schon erstaunlich, was der Mensch in der Lage war, wahrzunehmen.

Hinter ihr brachen leichte Unruhe und Hektik aus, mehr aus Vorfreude und Erwartung, denn aus Anspannung, aber sie war zu sehr auf ihr Sichtfeld fokussiert, um das Knistern, das förmlich in der Luft lag, zu erfassen. Sie ließ ihre Augen wieder auf die Welt jenseits der Scheibe scharf stellen und ihre Optik veränderte sich gleichsam wie der Zoom einer guten Spiegelreflexkamera.

Am Rande bemerkte sie, wie jemand neben sie trat, und völlig teilnahmslos, ja, beinahe ohne sich dessen bewusst zu sein, was sie tat, nahm sie das ihr dargebotene Glas Sekt entgegen. Dass in ihrem Rücken ausgeschenkt, aufgetischt und vorbereitet wurde, war ihr völlig entgangen. Und auch nicht von Belang.

Plötzlich, wie auf den unsichtbaren Einsatz eines Dirigenten hin, verstummte die Welt für einen kurzen Augenblick. Dann begann ein Countdown, rezitiert von tausenden Kehlen.

Zehn, neun, acht…

Ihre Augen waren unverwandt auf die Scheibe gerichtet, durch die sie gerade einmal die Silhouette der Nachbarshäuser im Lichtkegel der Straßenlaternen sehen konnte. Mit jeder Zahl beschleunigte sich ihr Herzschlag und eine freudige Nervosität befiel nun auch sie. Zugleich fühlte sie eine resignierte Ruhe, stoisch und unantastbar, vollkommen ungerührt.

Drei. Zwei. Eins.

Happy New Year!

Vor ihren Augen explodierte es in unzähligen Farben und Formen. Dumpfes Knallen, gefolgt vom schneidend pfeifenden Abflug der Raketen und einer weiteren Detonation in Himmelshöhen.

Im Zimmer lag man sich in den Armen, Sekttulpen klingelten leise beim Anstoßen, die Pummerin läutete aus dem Fernseher.

Sie hatte sich zurückgezogen in ihre kleine, sichere Blase. Hörte weder zu noch hin, sah das Feuerwerk und sah doch nichts. Spürte zwar das Glas in ihren Händen, machte aber keinerlei Anstalten, daran auch nur zu nippen.

Ihre Stirn sank gegen die kühle Scheibe und eine leise Erinnerung an die letzte Silvesternacht legte sich vor ihr geistiges Auge. Hätte sie damals schon gewusst, was das kommende, nun vergangene Jahr ihr bringen würde… Aber sie hatte es nicht gewusst. Niemand hatte es gewusst. Natürlich nicht. Wie auch? Und so hatten sie gefeiert wie immer, ausgelassen, fröhlich, heiter.

Im Hintergrund erklangen leise die ersten Takte des Donauwalzers, jemand suchte hektisch nach der Fernbedienung, um die Lautstärke zu erhöhen, zwei Pärchen fingen an, sich im Dreivierteltakt zu drehen.

Ungeachtet dessen begann in ihrem Kopf ein Lied zu spielen, drängte sich hartnäckig in den Vordergrund ihrer Wahrnehmung und übertönte bald jedes Geräusch, das an ihre Trommelfelle gelangte. Es war ein altes Lied von Udo Jürgens.

Und plötzlich begannen ihre Augen zu leuchten.

Sie war ebenfalls noch nie in New York gewesen oder barfuß am Strand von Hawaii spazieren gegangen. Zerrissene Jeans besaß sie nicht einmal. Sie hatte auch noch nie auf dem Eiffelturm gestanden oder ein Stück des Jakobsweges zurückgelegt. Sie hatte nie unter freiem Himmel liegend das Polarlicht bestaunt oder bei brütender Hitze in einem Straßencafé in Rom einen Cappuccino getrunken.

Sie erkannte, dass es weder Feigheit noch fehlender Mut, Geldnot oder Phlegmatismus gewesen waren, die sie ein Leben lang in ihrer Heimat gehalten hatten. Es waren ein übersteigertes Pflichtgefühl und die Angst, Verantwortung abzugeben, gewesen.

Weil Felix nun mal nicht mobil gewesen war. Weil Felix sie nun mal gebraucht hatte. Und weil sie selbst sich davor gefürchtet hatte, ihn in eines anderen Menschen Obhut zu lassen.

Aber Felix war nicht mehr da. Aus ihrem sichtbaren Leben verschwunden wie damals sein Vater, als sich herausgestellt hatte, dass sein Sohn nicht „normal“ sein würde. Doch was war schon normal?

Eine Kerze auf einem frischen Grab. Eine marmorweiße Engelstatue. Eine Flut schwarz gekleideter Trauergäste, die nicht einmal sein Lieblingsgericht oder seine liebste Netflix-Serie hätten nennen können, aber betretene Gesichter machten. War das normal?

Sie hatte getrauert, wie es die Menschen um sie herum von ihr erwarteten. Aber in all der Dunkelheit, Einsamkeit und Trauer hatte ein weiteres Gefühl aufgeleuchtet, das sie erst jetzt benennen konnte. Es war Erleichterung gewesen.

Die Natur hatte ihr jedoch keine Zeit gelassen, ihre Trauer auszukosten und angemessen zu beenden.

Er war attraktiv gewesen, der junge Arzt im Klinikum. Aber auch unbarmherzig direkt und entwaffnend ehrlich.

Man hatte ihr Schweigen für einen Ausdruck ihrer Trauer gehalten. Ihre Distanz für Selbstschutz. Ihre Tränen für Fassungslosigkeit. Es war ja nicht einmal verkehrt gewesen.

Einmal verrückt sein.

Eine Idee nahm in ihrem Kopf Gestalt an. Klein und wage, wie eine einzelne Schneeflocke, schillernd und faszinierend zugleich. Immer mehr Flocken hakten sich bei ihr unter, verbanden sich mit ihr zu einem tanzenden Schneeball, der rasend schnell wuchs, zur Lawine wurde und mit Getöse alle anderen Ideen und Vorsätze unter sich begrub.

Sie könnte sich jetzt gleich wegschleichen. Wer würde sie schon vermissen?

Ein Ticket nach New York, und von dort aus quer durchs Land bis an die Westküste. In San Francisco über die Golden Gate Bridge spazieren und dabei Udo Jürgens schmettern.

Was hatte sie schon zu verlieren?

In ihrem Innern tickte eine Zeitbombe, die niemand entschärfen konnte. Wer wusste schon, wie viel Zeit ihr noch blieb?

Vielleicht schaffte sie es ja nicht einmal bis nach Ohio.

Vielleicht konnte sie sich von Kalifornien aus ein Ticket nach Shanghai buchen.

Sie trat auf den Bürgersteig hinaus. Der eisige Wind blies ihr ins Gesicht und zerzauste ihr die Haare.

Es war total verrückt.

Aus allen Zwängen flieh’n.

Sie lächelte.