Juni 2022


Freiheit


Der Aufstieg zu der kleinen Aussichtsplattform war kurz, aber steil und dadurch anstrengender, als sie gedacht hätte. Aber der zu erwartende Blick über das weite Tal spornte sie dazu an, die Zähne zusammen zu beißen, sich aktiv ihres jahrelangen Atemtrainings zu erinnern und beharrlich einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Sie musste nicht erst zu ihm hinsehen, um zu wissen, dass es ihrem Begleiter ähnlich ging. Als sie unten an der Weggabelung gestanden hatten, an der es linkerhand zurück ins Dorf, rechterhand jedoch in die Höhe gegangen war, war sein Blick die ersten paar Meter entlang gewandert und ein halb staunendes, halb überwältigtes „Ui“ war ihm leise über die Lippen gekommen.

Nun konzentrierten sie sich beide auf den Pfad den Berg hinauf, sorgsam darauf bedachte, auf keine losen Steine oder morsche Wurzeln zu treten. Jeder spürte die Anwesenheit des anderen, wie eine sichere Gewissheit, eine verlässliche Konstante. Und doch waren sie beide gedanklich ganz bei sich selbst, ruhend im steten Gleichmaß von Schritten und Atemzügen. Beim Gehen in Stille wurde der Kopf angenehm frei, die Gedanken lösten sich auf, die Wahrnehmung reduzierte sich auf das Wesentliche.

Fuß vor Fuß.

Einatmen. Ausatmen.

Umso überwältigender war es, wenn man am Etappenziel angekommen den Blick hob, die Augen sich vom Graubraun der Erde lösten und sich die Schritte verlangsamten, aus dem Rhythmus fielen und schließlich ins Stocken gerieten. Wenn sich das beschwerlich Steile in ein angenehm Flaches wandelte und die Anstrengung merkbar von einem abfiel. Der Atem sich mit einem erleichterten Stoßseufzen Raum bahnte und die Lungen wohlig blähte.

Sie lächelte glücklich und warf ihm zum ersten Mal seit dem Wegweiser einen Blick zu. Seine Wangen waren gerötet, doch auch er lächelte zufrieden und ging ihr voran mit bedächtigen Schritten auf das schmiedeeiserne Geländer zu, durch dessen Lücken und Ranken man bereits erahnen konnte, welches Panorama sich ihnen gleich bieten würde. Sie trat neben ihn, legte die Hände auf die von der Sonne erwärmte Brüstung und ließ die Szene auf sich wirken.

Direkt unter ihnen, scheinbar zu ihren Füßen liegend, duckte sich das Dorf an die Bergflanke. Fast wie ein scheues Kind, das sich an den Rock der Mutter drückte. Dahinter glitzerte der See, warf die Sonnenstrahlen wie ein welliger Spiegel zurück und schillerte in einer faszinierenden Farbmischung aus blau, petrol, türkis und grün. Noch weiter dahinter, in der Ferne und doch wie zum Greifen nah, erhoben sich die Berge, die schon zum Nachbarland gehörten.

Fremdes Territorium auf dem Papier, doch Blicke und Gedanken reisen zollfrei.

Sie saugte das Bild in sich auf, holte tief Luft und schloss für einen Moment die Augen.

Ein Schatten huschte über ihr Gesicht. Am Himmel zog ein Bussard seine Kreise. Früher hatte sie die Vögel immer beneidet. Um ihren Gesang, ihre Flügel, ihre Freiheit.

Heute, bei diesem Anblick, an diesem Ort, mit ihm an ihrer Seite, da war sie sich sicher, dass sich so Freiheit anfühlte.