Mai 2022


Muttertag


1. Mai. Tag der Arbeit. Beginn des Marienmonats. Der Frühling in voller Blüte.

Marias Hände flochten die Blumenstängel.

Bald würde Muttertag sein. Schon jetzt prangten überall Werbungen mit Geschenkideen, Kinderbetreuerinnen zermarterten sich das Hirn über Recycling-Basteleien und Grundschullehrer halfen beim Lackieren der selbstgeprägten „Mama, ich hab dich lieb“-Frühstückstabletts. Als ob man den Müttern abseits des Muttertags jemals das Frühstück ans Bett bringen würde. Was für eine Illusion.

Maria griff nach einer Margerite.

Der Mai war seit einigen Jahren der schwerste Monat für sie. Versank in einem dunklen Loch, einem Brunnenschacht ähnlich, in den nur zeitweise ein spärlicher Lichtstrahl fiel. Es war eine bittersüße, nach dieser langen Zeit fast schon liebgewonnene Trauer und Melancholie, die von ihr Besitz ergriff, die sie zwar in ihrem Tun lähmte, die sie aber dennoch immer wieder willkommen hieß wie einen alten Freund. Manchmal hielt diese Schwermut tagelang an, dann wieder zeigte sie sich nur für einen kurzen Augenblick, ein Blinzeln, einen Herzschlag lang.

Nun hab dich nicht so. Immerhin habt ihr ja zwei gesunde Kinder.

Ja, es waren Kinder im Haus, die es mit Leben und Lachen füllten. Ja, sie waren gesund und fröhlich. Aber sie waren dennoch nur geliehen. Zwar abgöttisch geliebt, jedoch stets in dem Bewusstsein, dass sie ihr nicht gehörten. In dem Wissen, dass sie genauso von ihnen geliebt wurde, aber auch die Kleinen deutlich spürten, dass all die Liebe und Zuneigung nur ein Ersatz für zu früh verlorene Mutterliebe waren.

Der Kranz war fast fertig.

Die Zeit heilt alle Wunden. Wie oft hatte sie dies gehört. Von Freunden, Familie, fernen Bekannten. Von Menschen, die sie in- und auswendig kannten genauso, wie von Menschen, mit denen sie nur flüchtig zu tun hatte und die von ihr im Grunde nichts wussten. Von Menschen, die ihren Schmerz in keinster Weise nachvollziehen konnten. Weil ihnen nicht nach neun Monaten freudiger Erwartung und sich in der Empfindung endlos ziehenden Stunden der Wehen, der Pein und der Erschöpfung ein kleines, lebloses Bündel auf den plötzlich unbewohnt leeren Bauch gelegt worden war.

Sie meinen es doch nur gut. Das wusste sie ja. Es tat trotzdem weh. Immer noch. Daran erinnert zu werden. Darüber sprechen oder schweigen zu müssen. Die Ratschläge und die gutgemeinten Tipps. Weil all die unbeholfenen Kommentare keineswegs trösteten. Sie täuschten lediglich über die Sprachlosigkeit hinweg. Versteckten die Hilflosigkeit und Ohnmacht hinter schönen Worten.

Sie zupfte ein paar letzte Blüten zurecht.

Sie würde den Kiesweg zum Schutzengelfriedhof alleine gehen, den Kranz in der Hand, wie jedes Jahr am Muttertag. Aus ihr hatte auf dieser Erde keine Mutter werden sollen.

Vielleicht versuchte sie deshalb umso mehr, dem durch Märchen und Legenden so negativ behafteten Wort „Stiefmutter“ den Schrecken zu nehmen.

Am Nachmittag würde sie Lilly und Marleen zum Grab ihrer Mutter begleiten. Dort ebenso hilflos und verloren stehen, wie all die Mitleid bezeugenden Menschen vor ihr. Die Finger der einen Hand mit jenen ihres Mannes verschränkt, die kleine Hand der Älteren fest in ihren anderen, gleichzeitig das Beben des Kindes spürend und sich tapfer die eigenen Tränen verbeißend.

„Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es Dir sein, als lachten alle Sterne; Weil ich auf einem von ihnen wohne; weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können.“ (Der kleine Prinz, Antoine de Saint-Exupéry)

Hätte ihr Sohn nur lange genug gelebt, um ihn lachen zu hören. So hatten ihre Sterne alle ein kleines, friedliches Gesicht. Fast, als würden sie schlafen und von ihr träumen.