November 2022


Schnecken


Eines Tages hatte ihr Herz aufgehört zu schlagen.

Einfach so. Ohne Vorwarnung.

Seither sah er Schnecken überall.

Sie hatte Schnecken geliebt. Die perfekte Drehung der Häuser, die unzähligen Farben und Muster, die unscheinbar farblosen ebenso wie die fantasievoll geschnirkelten. Ihm waren sie im Garten immer nur lästig gewesen.

Ihr zuliebe hatte er aufgehört, zwischen die Karotten und Radieschen die kleinen blauen Kügelchen zu streuen. Hatte sich abgewöhnt, beim Anblick der Nacktschnecken zur silbernen Gartenschere zu greifen. Und hatte ihr milde lächelnd dabei zugesehen, wie sie die Plagegeister einzeln von Hand aus dem Beet gepflückt und in die Büsche umgesiedelt hatte.

Sie konnte Stunden damit verbringen, die Schnecken beim langsamen Kriechen zu beobachten. Lief bei Regenwetter mit gesenktem Kopf und aufmerksam auf den Boden gerichtetem Blick, um im Notfall lieber in eine Pfütze auszuweichen und mit triefend nassen Schuhen heimzukommen, als ein Kalkhaus zu zertreten. Sie baute ihnen Nester und schattige Plätzchen, wenn die Sommersonne allzu unbarmherzig vom Himmel brannte. Ließ sie über ihre Hand kriechen, ohne sich an dem glitschigen Schleim zu stören, obwohl sie sonst schon angewidert zurückzuckte, wenn er ihr mit vom Waschen feuchten Händen zu nahe kam. Hielt sich die Häuschen der schüchternen Exemplare dicht vor die Augen, um bloß keine Regung des kleinen Körpers zu verpassen. Und er würde nie vergessen, wie sich ihr Gesicht mit einem verzückten Lächeln aufhellte, wenn eines der Tiere zutraulich wurde und ihr erst die Fühler und dann die Augen entgegenreckte, sobald es erkannte, dass sie kein Fressfeind war.

Nun war es an ihm, die Schnecken zu sehen. Zu sehen und zu schützen. Um das Andenken zu bewahren an seine kleine Advokatin der Schnecken.

Das winzige Ding, das er zeichnete, hatte sich, wohl erschöpft vom im Verhältnis zur Körpergröße langen Aufstieg, in einer Einbuchtung des ornamentierten Geländers verkrochen, sich in sein Haus zurückgezogen und wartete nun auf das nächste Regenwetter. Eine Schnecke in der Schnecke.

Behutsam setzte er Strich neben Strich, den Blick rastlos zwischen Papier und Vorlage hin und her huschend. Er würde das fertige Bild signieren, mit Ort und Datum versehen, in den säurefreien Umschlag stecken und zu den anderen legen. Allesamt nur für sie. Für keines anderen Menschen Auge bestimmt. Eine Schneckensammlung, die nur ihr gehörte, ihr allein gewidmet war und die er, wenn es sein musste, dereinst mit ins gemeinsame Grab nehmen würde.