Oktober 2022


Zuhause


Zuhause. Was für ein komisches Wort.

Noch während Frieda es dachte, hatte sie die Stirn gerunzelt.

Klar wusste sie, was das Wort bedeutete. Dass man in den meisten Fällen da zuhause war, wo der Schlüssel passte und wo man die persönlichen Gegenstände aufbewahrte. Sie hatte auch schon davon gehört, dass „Zuhause“ ein Gefühl sein konnte, voll von Geborgenheit und Zufriedenheit, also über die rein sprachliche Beschreibung des eigenen Wohnsitzes hinausgehend.

Aber egal mit welcher Bedeutung und Konnotation, das Wort kam ihr gerade jetzt in diesem Moment, trotzdem sehr seltsam und beinahe unwirklich vor.

Während sie den Blick schweifen ließ, bemerkte sie, dass sie sich fremd fühlte, als wäre sie nicht am richtigen Platz, ein Eindringling in ihrer eigenen Wohnung. Aufmerksam betrachtete sie jedes Möbelstück und jeden Einrichtungsgegenstand.

Ja, es war definitiv und zweifelsfrei ihre Wohnung. Ihr Kopf war sich dessen sicher, und dennoch fühlte es sich so an, als wäre sie ein Fremdkörper, nur zu Besuch, ein Gast auf Zeit.

Sie kannte ein ähnliches Gefühl wie dieses von vor ein paar Jahren, als sie für eine Weiterbildung an den Wochenenden am Seminarort jedes Mal das gleiche Zimmer gemietet hatte. Sie hatte sich dort wohl gefühlt, aber immer die baldige Abreise im Nacken gespürt. Zwar nicht direkt aus dem Koffer gelebt, aber denselben stets griffbereit und mit nur halb geschlossenem Reißverschluss in die Ecke gestellt. Genauso hatte es sich damals angefühlt, als sie am Beginn ihres Studiums an jedem Wochenende nach Hause gependelt war. Ein ständiges Nomadentum, das damit einherging, dass man seine Habseligkeiten an zwei Orten verteilt hatte und mit übergroßer Wahrscheinlichkeit genau die Sachen brauchte, die in dem Moment gerade am jeweils anderen Ort lagen.

So ähnlich ging es ihr jetzt, was eigentlich völlig absurd war. Schließlich war sie schon vor zehn Jahren daheim ausgezogen und lebte nun schon seit acht Jahren in dieser Wohnung. Ihr Aufenthalt hier hatte also nichts Temporäres mehr. Die Zeit der Wanderschaft und der Zerrissenheit war vorbei.

Vielleicht lag das Gefühl auch an den noch unausgepackten Koffern und Reisetaschen, die im Flur standen. Sie war gestern Abend spät zurückgekommen, hatte nur noch das Auto ausgeräumt, sich die Zähne geputzt und war dann todmüde und erschöpft von der langen Fahrt und den kräftezehrenden Stunden im Stau buchstäblich in dem Moment eingeschlafen, als ihr Kopf das Kissen berührt hatte. Beim Aufwachen war sie leicht verwirrt und desorientiert gewesen, hatte einen Moment gebraucht, um zu erkennen, wo sie war, und seither begleitete sie dieses Gefühl der Fremde. Als wäre ihr Körper schon da, aber ihr Geist noch in der Ferne.

Seufzend stand sie auf, ließ den Blick nochmal durch das Wohnzimmer gleiten und trat dann vor den großen Spiegel im Flur. Ja, auch dieser Anblick war ihr vertraut. Es war ihr eigenes Gesicht, leicht sonnengebräunt von den Tagen in Italien, mit der geraden Nase, dem Muttermal über dem linken Mundwinkel und den tiefen Ringen unter den Augen. Sie hatte sich wohl erholt und viel geschlafen im Urlaub, aber diese Müdigkeit, die ihr ständiger Begleiter war, konnte man sich nicht in einer Woche aus dem Gesicht schlafen.

Mit geschickten Fingern steckte sie sich die Haare hoch, blickte sich noch einmal tief in die Augen. Dann schnappte sie sich die Schlüssel und verließ das Haus.

Ein Spaziergang würde ihr gut tun. Frische Luft, körperliche Aktivität, zielloses Wandern durch bekannte Gassen. Vielleicht ein Schwätzchen mit den Nachbarn, eine Katze, die man streicheln konnte, Vögel, die in der Tränke im kleinen Vorgarten an der Ecke badeten. Alles Dinge, von denen sie hoffte, dass sie sie wieder erden und ins Hier und Jetzt bringen würden.

Als sie auf die Straße trat, wehte ihr der Wind feine Tropfen ins Gesicht. Es nieselte leicht, gerade so sehr, dass es lästig zu werden drohte, aber noch nicht genug, um ins Haus zurück zu gehen, um einen Schirm zu holen. Unwillig zog Frieda eine Schnute. Dann streckte sie den Rücken durch, straffte die Schultern und setzte sich in Bewegung.

Die Blätter der Bäume hingen kraftlos und teilweise entfärbt an den dünnen Ästen, die sachte hin und her wiegten. Der Himmel war verhangen und grau, als wolle er ihre Gefühlslage für alle Welt sichtbar nach draußen spiegeln. Auf dem Gehsteig lagen Kastanien, welkes Laub, Bonbonpapierchen. Frieda nahm wahr, ohne zu denken, sah ihre Umgebung und sah doch nichts. Schreckte auf, als an der Kreuzung ein Fahrradfahrer an ihr vorbei schoss und der Fahrtwind ihr die Haare zerzauste. Überquerte die Straße, ließ ihre Füße entscheiden, wohin sie gehen wollten, schaute sich selbst teilnahmslos beim Gehen zu. Die Häuser, an denen sie vorbeiging, kamen ihr mit einem Mal genauso fremd vor, wie ihre eigene Wohnung. Obwohl sie doch jedes davon kannte und an allen schon zigtausende Male vorbeispaziert war. Und doch, in diesem Moment entdeckte sie an jedem einzelnen neue Details, die sie zuvor noch nie bemerkt hatte. Einen geprägten Drachenkopf am Einlauftrichter einer Regenrinne. Den Gartenzwerg mit der Laterne auf der Schwelle. Eine unsagbar kitschige Freiheitsstatue, die sich mit einem völlig unproportional dimensionierten Modell des Eiffelturms ein Fensterbrett teilte. Neue Briefkästen bei Haus Nummer sieben.

Unvermittelt stand sie vor einem Haus, dessen Eingangstür im Halbstock lag, erreichbar durch zwei steinerne Stufen, die durch Wind, Wetter und ungezählte Schuhsolen ausgetreten und abgeschliffen waren. Hier gab es mit einem Mal nichts Neues mehr zu entdecken. Hier kannte sie jede Rille im körnigen Verputz, jeden Schnörkel der verzierten Fensterläden, die kleine Kerbe im Holzring des nutzlos gewordenen Türklopfer, den sie dennoch jedes Mal betätigt hatte, wenn sie vor der Tür gestanden hatte. Damals wie heute. Ein Lächeln zeichnete sich um Friedas Lippen ab, ließ ihre müden Augen leuchten. In ihrem Innern rastete etwas ein und sie seufzte vor Erleichterung.

Dieser Ort fühlte sich wie Zuhause an. Mehr noch als ihr Elternhaus, ihre eigene Wohnung oder jeder noch so paradiesische Urlaubsort der Welt.

Langsam, fast schüchtern und zögernd, stieg sie die Stufen hinauf. Ließ den Ring leise gegen das Metall schlagen, bevor sie die Klingel drückte. Es würde einige Augenblicke brauchen, bis der Buzzer erklingen und die Verriegelung sich lösen würde. Wie oft hatte sie schon hier gestanden und gewartet. Das gütige Lächeln auf dem faltigen Antlitz bereits vor dem geistigen Auge gesehen, bevor es ihr dann von der Wohnungstür her entgegengeblickt hatte.

Wie alt er nun schon war? Weit über neunzig, und schien ihr dennoch seit ihrer Kindheit nicht gealtert zu sein. In ihrer Empfindung war er einfach schon immer alt gewesen. Ihr Zufluchtsort. Ihr Ratgeber und bester Zuhörer. Ihr Zuhause.

Die Tür schnappte auf, ließ sie ins Haus treten. Mit feierlicher Andacht übertrat sie die Schwelle, atmete den Geruch des alten Gemäuers, blickte suchend ins Halbdunkel.

Da waren sie, die kleinen, wohlwollenden Augen, die noch immer keine Brille brauchten. Mit zwei schlurfenden Schritten trat er in den Hausflur heraus. Er lächelte.

„Frieda!“

„Opa!“

„Komm herein, mein Kind. Erzähl!“

Ihr wurde warm ums Herz und sie musste tief schlucken, um nicht vor Rührung und Regung zu schluchzen.

Diese Augen. Die waren Zuhause für sie.