September 2022


Herbstfarben


Die Sonne schien durch das Laub. Warf unruhig tanzende Lichtflecken auf den Waldweg und brach sich an den dünner werdenden Blättern, die gelb, orange und braun gescheckten Seidenpapiergebilden glichen, durchscheinend und fragil wie Fensterbilder, leuchtend wie die Haut einer Laterne.

Ein leichter Wind wehte, der sich nicht entscheiden zu können schien zwischen lauer Spätsommerbrise und kalt-schneidendem Herbstlüftchen. Bewegte leicht die kahlen und die noch spärlich belaubten Äste, wirbelte manchmal in einer übermütig aufbrausenden Böe trockenes Laub in kleinen Strudeln umher und zerrte manch sterbendes Blatt aus dem Geäst.

Der Wildbach lief gluckernd und fröhlich schillernd zwischen den Baumwurzeln und moosbesetzten Steinen hindurch, glitzernd wie die Haut der Regenbogenforellen, die sich vereinzelt hinter größeren Felsbrocken vor der Strömung schützten, unschlüssig, ob sie ihren Stoffwechsel schon herunterfahren oder noch auf einen warmen Altweibersommer warten sollten.

Die Berge zeichneten sich klar gegen den blauen Himmel ab, scharfkantig die Grate auf der einen Seite, samtig sanft bewaldet die Hänge gen Westen. Majestätisch erhoben sie sich, prägten die Landschaft und durch ihren frühen Schattenwurf die Ausprägung der Jahreszeiten im Tal; schienen zum Greifen nah und waren doch bei strammem Fußmarsch einige schweißtreibende Stunden entfernt.

Eine kleine Hütte drängte sich an den Waldrand, die dunklen Bretter von Sonne und Regen gebeizt, das Dach mit Flechten und Laub bedeckt. Ein liebevoller Geist schien sich darum zu kümmern: in den Fenstern geklöppelte Vorhangspitzen, ein bunt bepflanzter Blumentrog neben der Türschwelle, sorgfältig aufgestapeltes Feuerholz unter dem Vordach, das leise Gluckern eines kleinen, von grob behauenen Flusssteinen gefassten Brunnens mit einem eisernen Wassereimer an starker Schnur.

Bei Regen ein gemütlicher Ort, um sich ins Trockene zu flüchten und bei einer Tasse Tee neben dem knisternden Kaminfeuer dem Prasseln der Tropfen zu lauschen. Bei Sonnenschein ein idealer Platz, um sich auf dem Bänkchen niederzulassen, die Beine auszustrecken und das Gesicht mit geschlossenen Augen dem Licht und der Wärme zuzuwenden, die Stille zu genießen und den beginnenden Herbst mit allen Sinnen in sich aufzunehmen.